Mittwoch, 3. März 2021

Bleibt beisammen!

 Ich besuchte im Jahr 2016 einen Netzwerkanlass und wurde dort gefragt, was das Wort 'Individuation' bedeutet, welches auf der Visitenkarte stand:

Ich möchte eine Haltung leben, dass eine Person um mich sich wird 
- und nicht 'jemand'.  

Jona Jakob, 2016. 

Damit verbunden ist für mich die Idee der Individuation: 
Der Weg zu einem eigenen Ganzen ist ein lebenslanger Prozess zu jemand Einzigartigem als Individuum. Individuation [lat.: individuare - sich unteilbar bzw. untrennbar machen] ist die die Entwicklung und Reifung des Menschen im Verlauf seines Lebens. (Quelle: Wiki) 


Mit diesem Gedanken möchte ich auch das Moment vermeiden, wo das Wort 'Coaching' stünde und wie eine 'Einflussmethode' wirkt, wenn jemand noch nicht sicher ist, was damit gemeint ist. Vielleicht kann ja ein einfaches Zuhören im Zug jemanden wachsen lassen, ein Einfühlen, ein Hinsehen oder eine meiner Fragen im Tag - in dem Moment sagt niemand, jetzt gerade läuft ein Prozess. Vielmehr ist es auf diese Weise täglich an mir selbst, eine erspriessliche Form zu finden und zu halten. Meine ich.

Bleibt beisammen
Worum geht es mir? Ich gewinne (es ist eher ein Verlieren) nicht zu selten den (einseitigen) Eindruck, dass man sich heute sehr gerne mit wem ein erstes Mal trifft oder begegnet, heute zu gerne digital und per Video. Man teilt auch gleich eine ganze Menge. Ist der Austausch beendet, mag bleiben was will. Und mein Punkt in diesem Posting, den ich ansprechen möchte ist, dass es zu keiner weiteren Begegnung kommt. Einmal - Ende - Schade. So mein Standpunkt. 

Meine Hypothese ist, wenn ich bei mir schaue: Es sind kleine Hürden, Ablehnungen, Schwierigkeiten oder Hindernisse, die mich oder beide abhalten, den Dialog fortzusetzen. Ich könnte getrost schreiben: 'Nicht weiter Zeit und Interesse zu investieren.' - Doch. 


Aspekt Alter
Mit dem Alter, ich bin heute 58,  wird man zumindest wählerischer. Man weiß, was man nicht (mehr) mag oder braucht. Und nicht selten hat man auch Gefühle, Bedürfnisse oder gar konkrete Wünsche. Vielleicht hat man gar so viel Entwicklungs- und Selbstarbeit geleistet, dass man Anteile am Anderen wie "rückständig" erlebt. Und nicht selten können Regungen im Raum beider stehen, welche mit Scham etwas zu tun haben oder mit Ängsten. 

Aspekt Beziehung
Manchmal bleibt mir das Gefühl, Treffen und Workshops und Begegnungen oder Seminare sind und bleiben "Pick-off"-Aktionen ... die Chance, jemanden abzuschleppen, gelinde gesagt. Frau sucht Mann, Mann sucht Frau, und was es sonst alles gesucht sein mag. Ja. Klar. Gerne. Und üblicherweise lässt man dann ein zweites Miteinander sein, wenn es einem beim ersten nicht behagt. Das ist jedoch mE eine Art Alles oder Nichts. 

Aspekt Geografie
Mein Vater äußerte einst: "Die Zuneigung wächst mit der Distanz. Doch die Liebe bricht an der Geografie." Und was er noch meinte: "Du musst immer zwei Sprüche haben - den dafür und jenen dawider." Vielleicht ist es auch genau jenes, was wir in der Sprache von Robert Musils 'Mann ohne Eigenschaften' lieben. Seine langen Sätze der Begeisterung, die er dann in der zweiten Hälfte seiner Ausführungen fein säuberlich zunichte macht. Weit auseinander zu liegen scheint eine alte Hürde, ein Miteinander aufrecht zu halten. 

Mein Plädoyer jedoch lautet dahin gehend, all diesen Ablehnungen und Gründen dafür, das es nicht klappen kann, eine Absage zu erteilen und dran zu bleiben. Dran an einer zweiten Begegnung.

Ich mag Menschen, die mich über einen ersten Eindruck hinaus mit einem zweiten zu überzeugen vermögen. 

Jona Jakob, 2010

Aspekt Netzwerke und Kontakte
Meine Erfahrung ist es, dass so gerne davon geredet wird, vielleicht würden Netzwerkaktivitäten zu gemeinsamen Projekten führen. Doch bisher habe ich das noch nie erlebt. Das letzte gemeinsame Projekt habe ich vor ca. 10 Jahren mit wem in Frankfurt durchgeführt. Ok, ich habe dann in einem gemeinsamen Spirit neun Jahre mit meiner kürzlich verstorbenen Partnerin gelebt und gearbeitet. DAS war ein richtiges Miteinander. Doch aus Netzwerkanlässen und beruflichen Begegnungen wurde noch selten etwas. 

Dennoch, es macht enorm viel Sinn, im fortlaufenden Kontakt zu bleiben. Neulich bin ich in eine Videokonferenz und dort jemandem wieder begegnet, den ich vom Bier, vom Degustieren, von einer Messe, von der eigenen Hochzeit und aus dem Ort kenne - auch seine Frau, die mir als Rechtsanwältin hervorragend diente. Ich KENNE diesen Berater zumindest so weit, als dass ich von ihm weiß: 
  • Beratungsfelder
  • Kundschaft
  • Seine Stärken
  • Seine Seiten
  • Seine Qualitäten
  • Seine Professionalität
  • Seine Kunst, zuzuhören

Wäre ich meinen Null-Acht-Fünfzehn-Verhaltensweisen für Begegnungen gefolgt, wir hätten uns kein zweites Mal getroffen. Doch ich hörte etwas länger in mich rein - DAS war mein ganzer Aufwand, länger und offener in mich reinzuhören bzw. nachzufühlen - und wir setzten in gegenseitigem Interesse die Begegnungen fort. Heute besteht da ein brauchbares Band, noch ganz ohne ein Projekt und vielleicht wird auch nie eines daraus. Aber für uns haben wir gegenseitig viel Gewinn, wenn wir Bedarf an des anderen Stärken haben. Wir mögen es und teilen hierfür gerne ein Glas Sommergetränke oder im Lockdown halt einen Videoschwatz. 

Was kann ich tun?
Gegenseitige Sympathie hilft immer - doch wenn die nicht gleich vorhanden ist, wie kann man dann ein Miteinander herkriegen und bestehen lassen? Wenn der Effekt einer gemeinsamen Zielsetzung nicht gewollt und damit nicht gegeben ist, also etwas als Projekt starten zu wollen, was sicher sehr ideal wäre, dann gibt es mE eine zweite gut machbare Lösung: Stelle strukturiert offene Fragen - immer wieder. Gerate mit dem Menschen in einer Art dialogisches, wertfreies Interview:
  • höre zu
  • sprich etwas an
  • nimm es her
  • denke mit
  • frage nach
  • gib es wieder
  • behalte deine eigenen Anteile gering (kleiner Anteil am Gespräch)
  • beende
  • löse auf
  • vertraue dem Weggehen und Nachklingen
  • schreibe deinen Nachklang später hinterher

Spirit: Komme auf den Geist in der Flasche zurück
Ich habe ein kleines Beispiel für solchen Kontakterhalt: Nicht selten kriege ich zu Anlässen Wein, Schnaps oder Sekt geschenkt. Oder Konfitüren und Eingemachtes. Normalerweise weiß ich schon am nächsten Morgen nicht mehr, wer mir was geschenkt hat. Was tun? 

Ich habe stets einen Silber- oder Goldstift zuhause oder solch einen für Kreideschrift. Damit notiere ich kurz den Schenkenden, Anlass und Datum auf eine freie Stelle auf der Flasche bzw. dem Behältnis. Und dann vergehen 2-3 Jahre, bis ich eine Flasche Wein öffne und koste. Dann lasse ich den Schenkenden nach dieser Zeit erfahren, dass wir die Flasche geöffnet haben und die Freude groß war. Das schenkt den Schenkenden viel zurück. Das verdichtet das Miteinander, die Beziehung wächst. Auch bei Konfitüren und Selbstgemachtem - ich melde mich so oft als möglich zurück. Hierfür gibt es so viele Weisen, wie man das tun kann. 

Und eine der schönsten Formen, einen Kontakt, jemand Fachliches, einen Menschen zu beschenken ist, die Person oder dessen Fähigkeiten und Kompetenzen oder Leistungen zu empfehlen. Stellen Sie jemanden vor, vermitteln Sie, schreiben Sie bei Google eine Rezension oder posten Sie eine Empfehlung als Beitrag. Oder verfassen Sie einfach mal einen Brief, eine eMail und melden Sie sich zurück, per Feedback oder sonst einem kleinen Hallo. Das erhält das Miteinander auf ganz besondere Weise. 

Bleibt beisammen, auch wenn es mal nicht einfach ist. Nutzt das Warten und vielleicht Mundhalten, das Fragen und Zuhören, das Nichtwerten und In-den-Arm-nehmen. Nutzt diese Möglichkeiten, im Anderen Anteile von euch über sich selbst hinaus wachsen zu lassen. Dann wachsen alle mit. 

Herzlich
Jona Jakob
Ad-hoc Coaching zu Coronazeiten.

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