Sonntag, 10. Januar 2021

(Selbst-)Kritik ist eine Sache des rechten Abstands.

Zitat: 

Was kann eine 'Kritik' noch leisten? Was hat sie in so theoriemüden Zeiten zu suchen? Nehmen wir erst Walter Benjamins Antwort: 

"Narren, die den Verfall der Kritik beklagen. Denn deren Stunde ist längst abgelaufen. Kritik ist eine Sache des rechten Abstands. Sie ist in einer Welt zuhause, wo es auf Perspektiven und Prospekte ankommt und einen Standpunkt einzunehmen noch möglich war. Die Dinge sind indessen viel zu brennend der menschlichen Gesellschaft auf den Leib gerückt. Die Unbefangenheit, der freie Blick sind Lüge, wenn nicht der ganz naive Ausdruck planer Unzuständigkeit geworden ..." (Einbahnstraße, 1928/1969, S. 95)

In einem System, das sich als Mittelding zwischen Gefängnis und Chaos anfühlt, gibt es keinen Beschreibungsstandpunkt, keine Zentralperspektive zwingender Kritik. 

Peter Sloterdijk, Kritik der zynischen Vernunft, Band I, S. 18



Coaching: 

Der Nutzen in dem Gegenüber des Coaches, also dass man jemanden dabei hat, der einem bei seinen Betrachtungen begleitet, besteht darin, dass der Zuhörende alleine schon ein paar Meter Abstand zum Sprechenden hat. Das sogenannte 'Setting', die Sitz- und Arbeitspositionen sind unterschiedlich und in der Distanz. Das verändert das Gesagte. Das Gesagte verändert sich schon im Moment, wo es aus den Gefühlen in die Gedanken und von den Gedanken in das Gesprochene einfließen. Es wandelt sich und ist damit verändert. Ob nun stimmiger oder verdrehter, das ist noch nicht erkannt. 

Was vermutlich die wenigsten Menschen mit dem Gedanken für bzw. vor einem Coaching bedenken: Sie neigen eher dazu, die eigene IST-Situation unterbewusst zu beschönigen bzw. zu idealisieren, wenn sie dann im Coaching sprechen, als dass sie wirklich Worte dafür finden würden, worin sie stecken und was das für Konsequenzen haben kann. Man "malt es sich schön". Das reduziert zugleich die Brisanz dessen, was man besprechen oder angehen sollte. 

Der Nutzen eines Coaches besteht darin, dass dieser die "menschliche Schönfärberei" erkennt und Worte bzw. ein einfühlendes Vermögen hat, dies anzusprechen und es so weit wie angebracht offen zu legen. Man kommt dabei auf den Grund der Dinge - zumindest näher daran. 

Das klingt im ersten Moment beängstigend, ist es aber gemäß meiner Erfahrung aus mehr als tausend Gesprächen jedoch nicht. Vielmehr wird genau dieser Punkt dann in Feedbacks ausgesprochen, wie froh man sei, das Trefflichere, das Direktere im Gespräch gehabt zu haben, offen zwar - gefühlt verletzlich - aber dann "das Geld wert", also dankbar dafür, mit jemandem an den Punkt gelangt zu sein. Auch auf angenehme und jedenfalls annehmbare, gut vertretbare Art und Weise. 

Die Fremdsicht durch den Coach und der Abstand dessen Zuhörens und Mitfühlens sind zwei Angelpunkte für die eigene Entwicklung bzw. den Prozess der Reflexion (Form der kritischen Prüfung), die besonders dann sinnvoll und eine Beauftragung wert sind, wenn einem die eigene Situation "zu Leibe rückt", wenn Ihnen der Druck der Lage "auf der Brust sitzt", "das Herz rausreißt", "den Atem nimmt", "den Sinn vernebelt", "vor Angst beklemmt", "unter die Haut geht", etc. 

Mit jemandem erweitern Sie den Blick auf sich selber. Mit jemand Professionellem noch viel mehr, da gute Coaches hierfür speziell ausgebildet wurden. Der ganze Raum gehört dann Ihnen. Das ist alleine kaum zu erlangen. Wenn Sie fotografieren möchten, was Sie in einem Spiegel sehen, müssen Sie die DOPPELTE Tiefenschärfe einstellen, also die Meter von sich zum Spiegel und diese nochmals in die Tiefe des Spiegels hinein. Sonst wird das im Spiegel Sichtbare nicht scharf. 

Jona Jakob
zueri-frankfurt.com

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