Samstag, 16. Januar 2021

Räume

Es wäre zu knapp gedacht, wenn man nun meinen würde, ich halte mich im Raum zueri-frankfurt fest. Nehme ich meine befreundeten und herzlichen Bezüge zusammen, wird der Raum größer. Deutschland, Frankreich, Spanien, die Schweiz und etwas Tschechien gehören zu den aktuell lebendigen Bezugspunkten. 

Nehme ich nun noch die Internetcommunities dazu, weitet sich der Raum auf Amerika, Italien, Skandinavien und die Beneluxstaaten aus. Da gibt es überall Kontakte, Menschen, getauschte Gedanken und Gefühle, Freude wie Beileid, Staunen und Ablehnen. Da steckt überall Leben drin. 

Jetzt, in dieser schicksalhaften Blockade der möglichen Freiheiten und Transaktionen, dem Lockdown, sind die Communities wie LinkedIn, Xing, Facebook und besonders Twitter meine Blutreserven für den Hunger, der mir mein Kopf bereitet. Ich bin ein Austausch-Junkie und auf kaltem Entzug, das muss ich zugeben. 


Bild JJ: Trinkhalle / Werk von mir Unbekannt
Nacht der Museen Aschaffenburg, 2018
Raum im Raum im Raum im Raum. Tbc.

Was mich dann freut: viele Kontakte werden im Moment etwas intensiver geführt. Man spricht vertiefter, man nutzt Video-Call und Zoom, um sich auch zu sehen. Man schreibt in die Chats und denkt per Video, Fotos und Sprüchen aneinander. Und man gibt eher zu, verletzlich zu sein, wund oder dünnhäutig, da von der Krise zu lange angespannt. Es gibt auch die Wohlgesonnenen, die Optimisten und Positivisten. Wen es in meinen Kreisen nicht gibt: dramatische Leugner oder gar Missionare. 

Was ich so langsam intus kriege: Dass man diese Communities auf zwei Weisen konsumiert und daher auch verschieden erlebt: Viele lesen alles auf dem Handy. Und einige konsumieren den Stoff am großen Bildschirm. Das macht sehr viel aus, was man dann zurück erhält. Wer keine Tastatur und Schreibposition inne hat, der wird mit einem Icon reagieren. Mehr geht mit Bürotasche, Schneefall, Cofe-to-go und Keine-Zeit nicht. Andere sitzen am Computer und führen aus, wie ich hier. 

Zu unterscheiden ist auch: Ob jemand aus dem Internet und seinen Kontakten mehrheitlich nur "downloaded", also Stoff herauszieht. Oder ob es jemand ist, der Inhalte und Infos in das Internet hineinstelle, also "uploaded". Die Uploadrate, so würde ich meinen, liefert bei sehr vielen Aspekten den Unterschied. Das verfasste Wort, notfalls Bilder oder Videos. Dann helfen Geräte, sich auszudrücken bzw. den Betrachtenden, etwas vermittelt zu bekommen. 

Zwei Räume, die vermutlich den ganz großen Unterschied machen: Holst du alles und nur noch aus dem Internet und über diesen winzigen Ausgang 'Smartphone' - oder lebst du noch Stunden im Außen, im Kontakt, in Büchern, auf der Straße, in der Kultur, auf Reisen, in der Philosophie und Soziologie, im Gesellschaftlichen und Feuilleton. Wenn man jemanden erlebt, der aus innerer Haltung dem Veganismus nachstrebt und die oder der dann z.B. Wurst als Billigfleischprodukt ablehnt, dann frage ich mich, ob man das Wenige, was verkleinert und komprimiert aus dem Smartphonebildschirm zu konsumieren ist, nicht ebenso nur "Tagwursterei" genannt werden müsste. Es ist dieser extrudierte und geblitzte Mischmasch von Fett, Wasser und Restefleisch, Eis, Salz, Zusatzstoffen und Pökel. Mal roh, mal gesiedet oder gar geräucht. Fernsehen ist schon reduziert. 

Genau betrachtet verhält es sich nicht so, dass Wikipedia erklärt, was in meinem Brockhaus steht. Es wird immer umgekehrt bleiben - die geistig erfassten Bände aller Bibliotheken erklären, was im Internet steht. Ihre Inhalte wurden im erdenen Raum frisch als Leben und Erkenntnis, Erzählung und Gefühle geerntet und haltbar gemacht, tendenziell ausgeschmückt, statt quantitativ wie qualitativ komprimiert. 

Und so unterscheide ich, wer mir welchen Raum mit in die Begegnung einbringt - es ist ein ganz anderes Erleben. Es wird auch ein anderes Resultat. Zur Zeit müssen wir mit dem Digitalen. Doch in meiner zunehmend wachsenden Achtsamkeit meiner Restzeit gegenüber mag ich schauen, ob noch mehr vom Wahren an mich gelangt, vom Echten und Betreffenden. 

Räume sind wie Verpackungen. 

Jona Jakob
zueri-frankfurt.com

1 Kommentar:

  1. Lieber Jona
    Ich gehöre zu den Menschen, die am grossen Bildschirm lesen, selten am Handy. Wenn auf dem kleinen Gerät etwas inspirierend wirkt - und das tun Deine Beiträge oft - dann wird es auf dem grossen Bildschirm nochmals gelesen. Austausch-Junkie was für ein tolles Wort. Es gefällt mir sehr gut. Trotzdem drücke ich mich selten dirket aus, bin also öfters scheinbar eher am konsumieren.
    Zu diesem Beitrag will ich nun etwas nach Aussen tragen, nehme Deinen Impuls gerne auf. Du schreibst von Räumen und erwähnst vorallem Aussenräume. Was Du schreibst, erreicht jedoch eher (meine) Innenräume, so dass ich mich nach dem Lesen nicht mehr im Aussen befinde, in der Welt, sondern im Nachspüren was diese Ausenwelt aus meiner Innenwelt spiegelt, was wie aufgenommen, angenommen, verdaut oder ausgeschieden wird. Deine Blogs sind in diesem Sinne Futter, welches einem Verdauungsprozess ausgesetzt wird und was in mir zurück bleibt ist nicht mehr was Du schreibst, sondern das, was sich zu Eigenform gewandelt hat. Sich darüber auszutauschen kann zu nährenden und kreativen Dialogen führen. Das weiss ich. Warum also kommt von meiner Seite so wenig Upload? Vielleicht ist es der öffentliche Raum der sozialen Medien. Da ist oft so wenig Toleranz. Nicht bei Dir. Ich bin sicher - auch wenn es in Deiner Comunity diese Menschen nicht zu geben scheint - Du hättest auch ein Ohr für sogenannte Leugner und Missionare. Alles Menschen mit einer eigenen Geschichte an Verletzungen, Verletzlichkeit, Schutzbedürfnis und eben alles, was Du und ich auch kennen.
    Lieber Jona, schreib weiter, ich bin dankbar für die Inspirationen.
    Und vielleicht ist ein Grund, dass nicht soviel Upload von meiner Seite kommt ist, derjenige, dass sich zeigen auch heisst, angreifbar zu sein - angreifbar im besten Sinne. Denn wenn wir hinter unseren Schutzmauern bleiben, dann entdecken wir keine neuen Ufer.
    Danke für Deinen Mut, für Deine Kompromisslosigkeit und gleichzeitige Offenheit gegenüber dem Anderen. Wer weiss, vielleicht kommt in Zukunft öfters mal ein Upload.
    Räume sind wie Verpackungen? Für Räume in Räumen in Räumen? Im Sinne von der neuen Physik, die sagt, dass Materie hauptsächlich aus Raum bestehe, aus Zwischenraum? Dann wäre die Verpackung der sichtbare Teil des Raumes.
    Herzlichen Gruss aus der verschneiten Schweiz.
    Marianne

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